Einmal Marathon laufen in New York…

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Angesteckt von der Euphorie der Zuschauer und der Läufer am New York City Marathon, den wir 2013 als Zuschauer erleben durften bei unserem New York-Aufenthalt, habe ich meinen Mann und mich für die Startplatz-Verlosung des New York Marathons 2014 angemeldet. Richtig, Verlosung. Es wollen dort viel mehr Leute mitlaufen, als es Startplätze gibt, darum muss man sich für die Verlosung anmelden und wenn man Glück hat, wird man ausgelost und hat einen Startplatz auf sicher. Nun, den Tag der Verlosung hatten wir längst nicht mehr im Kopf, New York war weit weg und wir sind eben erst von unseren Langlaufferien zurückgekommen, als in meiner Mailbox eine Mail aufleuchtete: „Congratulations, Tanja! You’re in. Welcome to the Class of 2014, TCS New York City Marathoner!“

Ungläubig habe ich die Mail gelesen und da stand tatsächlich, dass ich am 2. November 2014 in New York am Marathon starten darf. Nun, ein paar Halbmarathons bin ich bis dahin schon gelaufen, aber Marathon. Nun ja, irgendwann im Leben wollte ich das mal tun, in New York wäre das natürlich toll. Aber dass es so schnell passieren würde, das habe ich nicht gedacht. Also, kurz mal ausrechnen, wie lange es noch dauert bis zum Marathon. Gut 31 Wochen. Das sollte reichen.

Am gleichen Tag habe ich natürlich eine Mail an meinen Arbeitskollegen, der gleichzeitig Laufexperte ist, geschrieben, um mir die ultimativen Trainingstipps geben zu lassen. Zuerst wollte er mir nicht recht glauben, dass ich einen Startplatz habe, aber dann hat er alle Register gezogen und mich eingedeckt mit Trainingsplänen und Infos, so dass ich mein Marathon-Training starten konnte.

Der Sommer ging dann schnell vorüber, wir waren mit Umbauen und Umzug in unser Haus beschäftigt, ein paar Wochen vor dem Marathon musste ich dann noch 3 Wochen pausieren, weil ich mir eine Hirnerschütterung zugezogen hatte, aber irgendwie konnte ich trotzdem einige Laufkilometer sammeln und mich auf meinen ersten Marathon vorbereiten.

Am Dienstag vor dem Marathon sind wir dann nach New York geflogen, haben unser Hotel bezogen und einige gemütliche Tage in New York verbracht. Da es unser zweiter Aufenthalt in New York war, mussten wir nicht alle Sehenswürdigkeiten abklappern und konnten uns Zeit lassen und die Vor-Marathon-Stimmung in New York geniessen. Ja, genau, die ganze Stadt stand im Zeichen des Marathons. Überall Werbung und überall Leute, die einem ansahen, dass man laufen wird und Glück wünschten. Genial!

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Marathon-Expo

Am Donnerstag vor dem Marathon öffnete die Marathon-Expo die Türen. Eine ganze Messehalle am Ufer des Hudson Rivers in Manhattan stand während 3 Tagen den Marathonläufern und weiteren Besuchern offen. Dort konnte ich meine Startunterlagen abholen und anschliessend durch einen extra eingerichteten Asics-Shop schlendern, in dem man alles kaufen konnte, was mit dem Marathonlogo bedruckt war. Von Rucksäcken, Laufshirts, Handschuhen, Mützen, Socken über Tassen, Schnapsgläser und Plüsch-Teddybären gab es wirklich fast alles. Angesichts der Warteschlange vor der Kasse (min. 30 Minuten Wartezeit), habe ich mich aber entschieden, nichts zu kaufen. Dafür gab es noch eine grosse Anzahl von Ausstellern, die allerlei Sachen an den Mann bzw. die Frau bringen wollten. Sogar das New York City Police Department (NYPD) hatte einen eigenen Stand, dort konnten die Polizisten, die am Marathon mitliefen, ihr extra für den Marathon angefertigtes Lauf-Shirt abholen.

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Im oberen Stock der Messehalle gab es eine Ausstellung zu den 5 Boroughs, die man am Marathon durchläuft: Staten Island, Brooklyn, Queens, Manhattan und die Bronx. Jeder Stadtteil präsentierte sich dort und man konnte auch Plakate anfertigten, um seine Angehörigen und Freunde am Marathon anzufeuern. Dort erwartete uns auch eines der Highlights unserer Reise, wir durften Kathrine Switzer kennenlernen und mit ihr einige Worte wechseln. Kathrine Switzer ist 1967 als erste Frau am Boston Marathon gestartet. Als der Renndirektor des Boston Marathons bemerkte, dass eine Frau an seinem Rennen teilnahm, wollte er ihr unterwegs die Startnummer wegreissen, dies wurde jedoch von Kathrines Begleitern verhindert. Das war der eigentliche Anfang vom Frauen-Laufsport. Kathrine Switzer hat unzählige Rennen auf der ganzen Welt organisiert, an denen Frauen teilnehmen konnten und schliesslich wurde auch dank ihres Engagements ein Frauen-Marathon an den olympischen Spielen in Los Angeles 1984 ins Programm aufgenommen. Kathrine Switzer ist inzwischen 67 Jahre alt, aber immer noch aktiv als Läuferin und Organisatorin von Läufen. Als wir ihr erzählt haben, dass wir aus der Schweiz kommen, war sie total begeistert und hat uns erzählt, dass sie selber ein Jahr in Basel gelebt hat, als sie in Europa Rennen bestritt. Mit einigen motivierenden Worten für den Marathon verabschiedete sie sich schliesslich von uns, da sie gleichentags noch in die „Hall of Fame“ des New York City Marathons aufgenommen wurde. Diesen hat sie 1974 gewonnen.

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Opening Ceremony im Central Park

Am Freitagabend fand im Central Park auf den letzten Metern der Marathonstrecke eine Eröffnungsfeier statt. Jedes Land, das Teilnehmer am Marathon stellte, war mit einer Delegation inkl. Fahnenträger an der Parade dabei. Ich durfte bei den Schweizern mitlaufen und wir waren beliebtes Fotomotiv für viele andere Länder. Viele Teilnehmer kleideten sich sogar traditionell in Kimono, Schottenrock, Leopardenpelz oder Lederhosen oder brachten typische Maskottchen mit wie z. B. aufblasbare Kängurus. Unsere Delegation lief hinter der schwedischen Delegation, was den Amerikanern gleich eine kleine Geographielektion durch den schwedischen Fahnenträger bescherte: Schweden steht in seinen Worten gesagt für ABBA, IKEA und Süssigkeiten. Und die Schweiz beschrieb er mit den drei Worten: Alpen, Schokolade und Uhren. Gar nicht schlecht. Im Nachhinein haben wir dann herausgefunden, dass der schwedische Fahnenträger für die schwedische Ausgabe der „Runners World“-Laufzeitschrift tätig ist und so schafften wir Schweizer es sogar in die Online-Ausgabe der schwedischen „Runners World“.

Die Zeremonie beinhaltete verschiedene Reden, Auftritte von Showgruppen, die Parade der Länderdelegationen und wurde direkt am Fernsehen übertragen. Der Höhepunkt der Eröffnungsfeier war schliesslich das Feuerwerk im Central Park zu Frank Sinatras „Theme from New York, New York“. Das Feuerwerk war mindestens doppelt so gross wie das Feuerwerk in Basel zum ersten August. Eine tolles Erlebnis, man fühlte sich fast ein bisschen wie ein Olympiateilnehmer.

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NYRR Dash To The Finish Line 5k

Am Samstagmorgen regnete es leider. Trotzdem trafen wir uns mit ungefähr 7‘000 anderen Läufern vor dem Hauptquartier der UNO in New York, um von dort durch die abgesperrten Strassen Manhattans in den Central Park zu laufen und dort schon mal auf den letzten Metern des Marathons ein bisschen Zielluft zu schnuppern. Beim Start vor dem Hauptgebäude der UNO sang eine Sängerin die Hymne der UNO, bevor der Startschuss erklang.

Der Lauf war auch für Freunde und Familien der Marathonläufer offen und so konnten mein Mann und ich gemeinsam 5 Kilometer durch New York laufen. Ich war froh, als ich die 5 Kilometer hinter mir hatte, es war einfach nur anstrengend und ich dachte mir nur, wie soll ich am Sonntag einen ganzen Marathon laufen, wenn ich heute 5 Kilometer schon anstrengend finde. Aber ich hatte ja noch 24 Stunden Zeit, um mich mental auf den Start des Marathons vorzubereiten.

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TCS NYC Marathon 2014

Am Sonntagmorgen früh habe ich nach dem Aufstehen zuerst den Wetterbericht angeschaut und eine Mail gelesen von den Organisatoren des Marathons: aufgrund der kalten und stürmischen Wetterbedingungen solle man sich warm anziehen und wegen des Sturms seien im Startgelände keine Zelte aufgestellt worden. Nun gut, zur Sicherheit habe ich noch eine extra Laufweste und eine Mütze eingepackt.

Zum Startgelände auf Staten Island konnte man entweder per Bus oder per Fähre anreisen. Der Transport wurde vom Marathonveranstalter organisiert, eine logistische Meisterleistung bei über 50‘000 Teilnehmern! Da ich im Sommer ein Buch über den New York City Marathon gelesen hatte und dort die Anreise mit der Fähre empfohlen wurde und man dann auch etwas länger schlafen konnte, verzichtete ich auf die Busfahrt nach Staten Island. Die Busreisenden mussten zudem schon um 7 Uhr morgens beim Start sein, da danach die Verrazano-Narrows Brücke für jeglichen Verkehr gesperrt wurde. Das hiess für die meisten, dass sie mindestens 3 bis 3.5 Stunden im Startgelände ausharren mussten, bevor sie starten konnten. Da war ich froh, dass meine Fähre erst um 8.15 Uhr von Manhattan losfuhr. Bevor wir jedoch auf die Fähre durften, wurden wir einer Gepäckkontrolle unterzogen und es standen unzählige Polizisten mit Sprengstoff-Hunden bereit, um zu verhindern, dass jemand etwas Unerlaubtes mitnehmen konnte. Die Fahrt mit der Fähre vorbei an der Freiheitsstatue und mit toller Sicht auf die Skyline von Manhattan war eine schöne Einstimmung in den Marathontag. Als wir dann auf Staten Island ankamen und dort ca. 20 Minuten in der Schlange standen, bevor wir in einen der unzähligen Busse steigen konnten, die uns bis zum Startgelände brachten, wurde uns bewusst, was kalt und stürmisch bedeutet. Es herrschten Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und der Wind hatte eine Geschwindigkeit von ca. 64km/h. Zum Glück hatte ich alte Kleider an über meinen Laufsachen, so dass ich einigermassen warm hatte. Die Busfahrt zum Startgelände dauerte nur kurz, jedoch standen wir kurz vor dem Startgelände im Stau, was angesichts der Wetterbedingungen aber keinen Läufer gross störte. Beim Aussteigen aus dem Bus wurden wir dann alle nochmals kontrolliert, der durchsichtige Startbeutel (andere Taschen waren nicht erlaubt) wurde durchgeschaut und wir alle mussten durch den Metalldetektor laufen. So viele Polizisten habe ich selten gesehen. Im Startgelände angekommen hatte ich gar nicht mehr viel Zeit bis zum Start, kurz noch auf die Toilette, einen Apfel essen, alte Kleider in die bereitgestellten Container werfen (die Kleider werden danach an Obdachlose verteilt), und dann zu meinem Startblock laufen. Unterwegs traf ich noch einen Bekannten aus der Schweiz, der unglaublich nervös war und ziemlich froh wirkte, als er ein ihm bekanntes Gesicht sah. Ich selber war vor dem Start ziemlich ruhig. Am Abend vor dem Marathon habe ich noch einen interessanten Artikel gelesen, in dem stand, dass man sich vor Läufen drei Ziele setzen soll. Eines, das man sicher erreicht (meins: Ankommen), ein Ziel, das man, wenn man realistisch denkt, auch erreichen kann (meins war, unter 6 Stunden zu laufen und bei Tageslicht über die Ziellinie im Central Park zu laufen) sowie ein Ziel, dass man erreichen kann, wenn alles super läuft (unter 05:30 laufen, das war auch die Zeit, die mir mein Trainingsplan voraussagte). Nun, das war irgendwie beruhigend, so dass ich am Sonntag gar keinen Grund hatte, um nervös zu sein. Als ich mich dann von meinem Bekannten, der in einem anderen Startblock startete, verabschiedet hatte, musste ich schon in meiner „Wave“ (Startwelle) einstehen. Von dort aus sah man dann auch zum ersten Mal die Verrazano-Narrows Brücke, über die wir gleich laufen sollten. Wir sahen auch schon die Läufer der vorderen Startwelle, die auf dem Ober- und Unterdeck der Brücke Richtung Brooklyn liefen. Meine Startwelle musste auf dem Unterdeck laufen. Als ich das einige Wochen vor dem Marathon erfuhr, war ich etwas enttäuscht, aber am Marathontag selber war ich unglaublich froh, dass ich bei dem starken Wind nicht auf dem Oberdeck laufen musste. Es hat alles auch Vorteile bei richtiger Betrachtung!

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Und schon hörten wir den Startschuss und Frank Sinatras Stimme:“ Start spreadin‘ the news. I’m leavin‘ today. I want to be a part of it. New York, New York……“

Die ersten Meter war die Stimmung unglaublich, aber schon bald hörte man nur noch die Fusstritte und das Schnaufen der Läufer, zuerst galt es, die Brücke hinauf zu laufen. Und der Wind war wirklich unglaublich stark. Ich war froh, dass ich meine alte Daunenjacke noch nicht weggeworfen hatte, diese war ein willkommener Begleiter auf den ersten Kilometern über die Brücke. Viele hielten ihre Startnummer fest, weil sie Angst hatten, dass diese davonfliegen würde, unzählige Mützen flogen durch die Luft und obwohl wir eine wunderbare Aussicht auf Manhattan und das Meer hatten, wollten alle einfach nur schnell wieder von der Brücke runter. Immer wieder hörte man Jubelschreie, als man sich der Mitte der Brücke näherte, denn von da an ging’s abwärts. Einfach laufen lassen und möglichst schnell nach Brooklyn kommen. Eigentlich sollte man nicht zu schnell starten, denn es gilt immerhin 26.2 Meilen oder 42.195km zurückzulegen, aber das war in diesem Moment zweitrangig. Kaum sind wir in Brooklyn angekommen, sahen wir die ersten Zuschauer. Auf den Brücken selber waren Zuschauer nicht erlaubt. Die ersten 21 Kilometer führten von Staten Island über die Verrazano-Narrows Brücke durch Brooklyn. Und in Brooklyn waren die Strassen voll von Zuschauern. Rechts und links und sogar auf dem Mittelstreifen der Strasse feuerten uns die Leute an, hielten Plakate mit motivierenden Sprüchen in die Luft, verteilten Taschentücher, Bananen, Orangenschnitze, Salzbrezeln,… Immer wieder standen Bands und Orchester am Strassenrand und machten Musik. Einfach unglaublich! Und mindestens alle 10-20 Meter standen 2 Polizeibeamten an der Strecke.

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Die Strecke durch Brooklyn war sehr abwechslungsreich, von wunderschönen Quartieren mit den typischen 2-3 stöckigen Backsteinhäusern mit schönen Vorgärten, über breite Einkaufsstrassen, durch Williamsburg, wo geschäftiges Treiben herrschte, sahen wir sehr viele Seiten von Brooklyn, die man sonst wohl so nicht sieht. Unterwegs gab’s immer wieder Verpflegungsstellen, wo man sich mit Wasser, Gatorade und gegen Ende mit Gels und Früchten verpflegen konnte.

Mein erstes Zwischenziel war Meile 8, da mein Mann dort auf der linken Seite in der Kurve stehen und mich anfeuern wollte. Nun, da ganz New York auf den Beinen war und viele Strassen gesperrt waren, ich eher schneller als geplant unterwegs war, hat er mich schliesslich nur noch von hinten gesehen und ich habe ihn in der riesigen Zuschauermenge gar nicht entdeckt. Aber wir hatten noch einige Treffpunkte ausgemacht. Also weiter bis zur Brücke, die Brooklyn und Queens verbindet und gleichzeitig Halbmarathon bedeutete. Die Brücken waren jeweils wie Hügel, zuerst aufwärts und dann wieder abwärts, was dazu führte, dass man aufwärts fast immer gehen musste, weil einfach zu viele Läufer unterwegs waren und es fast kein Durchkommen gab. Egal, den Halbmarathon habe ich geschafft, Blick auf die Uhr: 2:30! Kurz rechnen im Kopf, dann hätte ich ja noch 3 Stunden Zeit, um die zweite Hälfte zu laufen, das ist machbar, ging mir durch den Kopf. Und schon war die Brücke überquert und Queens wartete auf uns. Dort war die Strecke etwas kurvig, aber die Leute in Queens waren genau so tolle Zuschauer wie die in Brooklyn. Immer wieder riefen die Zuschauer unsere Namen (sollte man sich unbedingt vorher aufs T-Shirt schreiben), machten Komplimente („you’re looking good“. „I love your pants“,…) und sorgten dafür, dass die Stimmung grossartig war.

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Getragen von all den Ermunterungen der Zuschauer nahmen wir die Queensboro-Brücke in Angriff und von dort aus hatten wir eine unglaublich schöne Sicht auf Manhattan, die Sonne war inzwischen so hoch am Horizont, dass sie sogar etwas wärmte und man zwischendurch die Handschuhe ausziehen konnte. Unter der Brücke konnten wir Roosevelt Island sehen und je näher wir dem Brückenende kamen, umso mehr hörten wir die Zuschauer der First Avenue in Manhattan. Bis dorthin hatten wir schon 25 Kilometer geschafft und unglaublich viel gesehen und erlebt und wohl keiner der Läufer dachte, dass es noch besser werden könnte, aber da der Marathontag zugleich auch ein bisschen ein Kampf unter den verschiedenen Stadtbezirken ist, gaben die Einwohner von Manhattan alles. Wir liefen die First Avenue von der 59. bis fast zur 130. Strasse hoch und die ganze Zeit war es laut, musikalisch, freudig, eine riesige Party! Das motivierte ungemein, denn der Wind war immer noch sehr stark und zwischendurch musste man sich die Hände vors Gesicht halten, um nicht zu viel vom Wind abzubekommen. Kurz vor der Brücke rüber in die Bronx gab es die erste Verpflegungsstation mit Früchten und Gels, damit keiner der Läufer den „Mann mit dem Hammer“ (bzw. „the wall“) antraf. Ich habe glücklicherweise keine Bekanntschaft mit dem Hammermann gemacht und blieb auch vor Krämpfen verschont. Und je länger der Marathon dauerte, umso zuversichtlicher wurde ich, dass ich ohne Probleme ins Ziel laufen kann (gegen Krämpfe soll übrigens der Saft aus den Essiggurken-Gläsern wirken, was ich zum Glück nicht ausprobieren musste).

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Die Brücke hinüber in die Bronx war fast eine Wohltat. Es war richtig ruhig ohne Zuschauer und die Ohren freuten sich über etwas Erholung. Aber die Brücke war nur kurz und schon kamen wir in der Bronx an. Auch dort spielte eine Band nach der anderen und die ganze Strecke war mit Plakaten verziert. Beim Verpflegungsstand dort musste ich noch eine unfreiwillige Pause einlegen, weil mir jemand auf den Fuss stand und ich dadurch meinen Schuh verlor und diesen wieder anziehen musste, aber die Leute waren sehr hilfsbereit und boten ihre Hilfe an. Zum Glück tat mir nichts weh und ich konnte weiterlaufen. Nun waren es nur noch 10km bis ins Ziel und ich fing in meinem Kopf an zu rechnen, wie lange ich pro Kilometer noch haben darf, damit ich mein drittes Ziel, unter 05:30 zu laufen, erreiche. Es sollte zu schaffen sein. Also, rauf auf die letzte Brücke und zurück nach Manhattan. Dort hatte ich beim Marcus Garvey Memorial Park, ein kleiner Park in Harlem, einen weiteren Treffpunkt mit meinem Mann vereinbart. Und endlich haben wir uns nicht verpasst, nachdem es vorher nicht geklappt hat. Mein Mann hat mich eingedeckt mit Schokolade (Lindt, aus der Schweiz extra mitgebracht), Cola und einigen motivierenden Worten, so dass ich nach einer kurzen Pause die letzten 7 Kilometer in Angriff nahm. Nun hörte ich immer mehr, wie mir die Zuschauer zuriefen, dass es nicht mehr weit sei, dass ich noch gut aussehe, dass ich es fast geschafft habe. Richtig toll. Und zwischendurch stand auch immer mal wieder ein Grüppchen von Zuschauern mit schweizer, deutscher oder österreichischer Fahne am Strassenrand und freute sich, eine Schweizerin zu sehen. Toll, wie wildfremde Leute einen ganzen Tag lang dort stehen und so viele Läufer anspornen!

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Und dann, kurz vor Kilometer 38 bogen wir endlich in den Central Park ab. Dort wurde es nochmals kurvig und hügelig. Aber der Park in seinem Herbstkleid war wunderschön und auch dort standen an jeder Ecke Zuschauer. Am südöstlichen Ende verliessen wir den Park nochmals, liefen der 59. Strasse entlang bis zum Columbus Circle und dort ging’s wieder in den Central Park hinein. Nur noch eine halbe Meile (800m). Die Strecke dort kannte ich schon von der Eröffnungszeremonie und dem 5km-Lauf. Also zuerst schön bergab, dann nochmals ein knackiger Anstieg, aber gleich nach dem Anstieg kommt die Kurve und dann die Zielgerade. Nochmals alle Energie zusammensuchen, einen kleinen Endspurt hinlegen, lächeln, damit die Zielfotos auch gut aussehen, und dann über die Ziellinie. Was, war’s das schon? Und schon hängte mir jemand eine Medaille um den Hals, jemand schob mich vor die Fotowand, lächeln fürs Finisher-Foto, dann drückte mir jemand einen Beutel mit Verpflegung in die Hand, jemand legte mir eine Wärmefolie um den Körper und dann realisierte ich, dass ich tatsächlich meinen ersten Marathon gelaufen bin, die Ziellinie bei Tageslicht überquert hatte und der Blick auf mein Handy zeigte mir, dass ich meine drei Ziele fast alle erreicht habe: 5:30:05! Super!

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Nach der Ziellinie musste man entweder links laufen, wenn man kein Gepäck abgegeben hatte im Startbereich oder rechts, wenn man sein Gepäck abholen wollte (diese Entscheidung musste man schon Monate im Voraus treffen und auf dem Portal der New York Road Runners auswählen). Ich hatte kein Gepäck und konnte so den Central Park etwas früher verlassen. Am Ende bekamen wir alle noch einen wärmenden Poncho, der uns auf dem Weg ins Hotel zurück etwas aufwärmen sollte. Der Anblick dieser riesigen Läufermasse, alle mit blauem Poncho bekleidet, sah doch etwas lustig aus. Bei der U-Bahn-Station hat mein Mann auf mich gewartet und wir gingen gemeinsam die Treppenstufen zur U-Bahn runter. Ich spürte meine Beine und Füsse langsam, konnte aber noch vorwärts laufen. Einige andere Läufer mussten jedoch die Treppen rückwärts runterlaufen. Ein herrliches Bild!

Im Hotel angekommen freute ich mich dann über eine wärmende Dusche und ein gutes Nachtessen. Am Abend war ich aber dann doch froh, als ich endlich im Bett lag und mich ausruhen konnte.

Marathon Monday im Central Park

Am Montag nach dem Marathon ist der Zielbereich im Central Park nochmals offen. Dort kann man Finisher-Shirts kaufen, seine Medaille mit Namen und Zeit gravieren lassen, Fotos machen, die New York Times lesen (mit Sonderbeilage Marathon)… Nach einem Spaziergang durch den Central Park sind wir mit der Seilbahn nach Roosevelt Island gefahren, da merkt man plötzlich, wie hoch oben die Queensboro Brücke eigentlich ist, die man am Tag zuvor zu Fuss überquert hat, und dann haben wir noch einen Ausflug an den Strand gemacht. Mit der U-Bahn kann man bis nach Brighton Beach fahren und dem Strand entlang nach Coney Island spazieren und von dort mit der U-Bahn wieder zurück fahren. Die U-Bahn fährt da fast überall über der Erde und da konnte ich nochmals ein paar Blicke auf die Marathonstrecke und die Verrazano-Narrows Brücke werfen. Erst da wurde mir bewusst, wie weit ich am Sonntag eigentlich gelaufen bin. Wahnsinn!

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Die restlichen Tage in New York gingen schnell vorüber und am Donnerstag sassen wir schon wieder im Flugzeug in die Schweiz, die Koffer gefüllt mit Souvenirs und vielen Erinnerungen an erlebnisreiche Tage und einen unvergesslichen Marathon. Ich kann euch nur empfehlen, einmal in New York zu laufen. Die Organisation ist perfekt, die Stimmung mit über 50‘000 Läufern, über 10‘000 freiwilligen Helfern und unzähligen Zuschauern ist wirklich toll und wenn man sich Zeit nimmt, kann man richtig eintauchen in die „Marathon-Stadt“ New York.

Falls ihr mehr wissen wollt oder sogar an der Start-Verlosung teilnehmen möchtet, könnt ihr euch gerne einen Kommentar hinterlassen.

Meinen Reisebericht schliesse ich mit Frank Sinatras Worten: „If I can make it there, I’m gonna make it anywhere.“ Der nächste Lauf kommt bestimmt!

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